Alle "Luschen" dieser Welt knallhart im Visier

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27. Februar 2012, Badische Zeitung

"Ausbilder Schmidt" – alias Holger Müller – scheucht die Zuschauer im Gloria-Theaster – zackzack – im Kommandoton auf die Plätze.

BAD SÄCKINGEN. "Ein bisschen Frieden" dröhnt es aus den Lautsprechern. Mit dem bisschen Frieden ist es schnell vorbei, wenn "Ausbilder Schmidt" in seiner verwaschenen alten Bundeswehruniform und Kampfstiefeln auf die Bühne marschiert, eine Zigarre pafft, hämisch grinst und in den Saal brüllt: "Morgen, Ihr Luschen!" Prompt schallt es ihm entgegen: "Morgen, Chef!" Dieses "Begrüßungsritual" muss einfach sein beim Gastspiel von Holger Müller, der im Bad Säckinger Gloria-Theater den "Panzerflüsterer" und die militärische Dampfwalze der Comedy-Szene gab.

Ein echter Stinkstiefel, der "dreckige, gemeine, fiese Sprüche" im Marschgepäck hat: Dieses Image hat der Schauspieler und Komiker, seit er vor zehn Jahren die Bühnenfigur "Ausbilder Schmidt" erfunden hat und mit seiner knallharten Militär-Persiflage eine Nische in der Comedylandschaft besetzt.

Auch im Gloria führt er sich auf, als sei er auf einem Kasernenhof. Im harschen Kommandoton scheucht er die Zuschauer nach der Pause mit dem Befehl "hinsetzen, zack zack" auf die Plätze, schnauzt das Publikum gern mal an ("Was für eine lahme Truppe!"), so wie er seine Rekruten ran nimmt und drillt. Die knallharten, bösen Sprüche, der militärische Jargon und soldatische Drill gehören ebenso zu dieser Figur wie das Männlichkeits- und Autoritätsgehabe, das Müller gnadenlos ironisch parodiert. Er gibt den harten Hund, der mit seinen "politisch unkorrekten" Nummern polarisiert. So ein schnauziger Bundeswehrrecke mit rotem Barett und Feldflasche, das ist schon eine sehr krasse Comedy-Figur, da zuckt man zusammen, weil das teils harter Tobak ist. Das Publikum im Gloria spielt aber gut mit, gibt Paroli und füllt in der Pause Zettelchen mit witzigen und bissigen Sprüchen aus.
Zehn Jahre Ausbilder Schmidt: Das wird mit einem zünftigen "Happy Birthday"-Programm und einer Geburtstagsparty mit den besten und fiesesten Nummern aus alten Kasernentagen gefeiert. Doch wenn Ausbilder Schmidt feiert, wird nicht getanzt, sondern marschiert, und es gibt vegetarische Schlachtplatte und Biodiesel vom Panzer. Und wenn sich Ausbilder Schmidt zu Discomusik verrenkt, sieht es aus wie Nahkampf. Er absolviert Liegestütze, macht mit wilder Mimik und Stimmenimitation seine Lieblingsrekruten und "Luschen de Luxe" Maffay, Grönemeyer und Klaus Kinski zur Schnecke und führt vor, wie bei ihm Körperhygiene funktioniert: "In die Luft spucken und darunter durchlaufen…".

2011 war ja "ein trauriges Jahr" für Ausbilder Schmidt, denn die Wehrpflicht wurde ausgesetzt. Die Bundeswehr als Freiwilligenarmee, Kasernen werden dichtgemacht: Da plagen den Ausbilder Existenzsorgen. Also hat er sich um Nebenjobs bemüht, als Gefängniswärter aus einer Stunde Hofgang 36 Stunden Hofmarsch gemacht, als Darsteller in einer Soap den Marienhof zum Kasernenhof umfunktioniert und beim Umzug von Nichte Petra gleich das ganze Viertel evakuiert. Ausbilder Schmidt macht sich auch Gedanken übers Alter und hat im Altenheim "Abendfrieden" gleich mal eine Seniorenarmee mobilisiert – das sind böse, makabre, sarkastische und rabenschwarze Nummern, in denen brisante soziale Themen verpackt sind. Ja, er kann einfach nicht aus seiner militärischen Haut, der unverbesserliche Chauvi, der selbst den Alltag generalstabsmäßig plant und zur Kampfzone erklärt. Aber er nimmt sich selbst zynisch hoch, wenn er den Hollywoodstar mit "Sex Appell" vorgibt und Szenen aus "Titanic" und eine "megapeinliche Nummer" mit dem Weißen Hai nachspielt – als Lachnummer im roten Badeanzug…

Ausbilder Schmidt trauert den Zivis nach, die sein "Feindbild" waren und über die er so gemeine Witze machen konnte. Langhaarige Wehrdienstverweigerer, Angela Merkel, die Griechen, der Papst, der Schiffskapitän der Costa Concordia ("Was für eine Lusche!"), alle kanzelt er im rüden Ton ab. Nur auf einen lässt er nichts kommen: auf seinen Panzer Leo, mit dem er zum "Wohnwagendippen", auf den Campingplatz und zum TÜV fährt - bis zur letzten Fahrt in dieser Militär-Satire.